Was darf ein Gentleman nicht alles, was einer Dame verwehrt ist: leidenschaftlich küssen, fechten, im Herrensattel reiten, einem Duell beiwohnen… Lady Calpurnia Hartwell beschließt, ihr langweiliges Leben zu ändern und all diese Männerfreuden zu genießen – natürlich heimlich! Am liebsten mit Hilfe des unwiderstehlichen Gabriel St. John, Marquess of Ralston, für den ihr Herz seit Jahren heimlich schlägt. Und welch Wunder: Gabriel erklärt sich als Lehrmeister bereit, wenn sie dafür seine Schwester eine Saison lang begleitet. Mit seinem leidenschaftlichen Kuss beginnt für Callie ein skandalöses Abenteuer …
Jemanden leidenschaftlich küssen
Eine Zigarre rauchen und Whisky trinken
Im Herrensitz reiten
Fechten
Bei einem Duell dabei sein
Eine Pistole abfeuern
Spielen (in einem Herrenclub)
Auf einem Ball keinen einzigen Tanz aussetzen müssen
Wenigstens ein Mal als schön betrachtet zu werden
Purchase Mit neun verruchten Dingen einen Lord bezwingen
prolog
London, April 1813
Mit Tränen in den Augen flüchtete Lady Calpurnia Hartwell aus dem Ballsaal von Worthington House, wo sie ihre jüngste und schrecklichste Niederlage erlebt hatte. Die Nachtluft war angenehm frisch mit einem Hauch von Frühling. Sie rannte die breite Marmortreppe hinunter, von Verzweiflung vorwärtsgetrieben, und hinaus in die dunklen Schatten des nächtlichen Parks. Sobald sie außer Sichtweite war, stieß sie einen tiefen Seufzer aus und verlangsamte ihre Schritte. Endlich in Sicherheit. Ihre Mutter wäre außer sich vor Zorn, wenn sie ihre älteste Tochter draußen ohne Anstandsdame erwischte, doch nichts hätte Callie bewegen können, länger in diesem schrecklichen Ballsaal zu verweilen.
Ihre erste Saison war ein kompletter Misserfolg.
Seit ihrem Debüt war nicht einmal ein Monat vergangen. Als älteste Tochter des Earl und der Countess of Allendale hätte Callie eigentlich strahlender Mittelpunkt des Balls sein sollen; sie war zu diesem Leben erzogen worden, zu anmutigem Tanz, vollkommenen Manieren und atemberaubender Schönheit. Genau da lag natürlich das Problem. Callie mochte ja eine gute Tänzerin sein und über vollkommene Manieren verfügen, aber eine Schönheit? Sie war ziemlich realistisch veranlagt und wusste nur zu gut, dass sie das bestimmt nicht war.
Ich hätte wissen müssen, dass das eine einzige Katastrophe werden würde, dachte sie und ließ sich auf einer Marmorbank am Eingang des Heckenlabyrinths nieder.
Seit drei Stunden war sie nun schon auf dem Ball und bisher kein einziges Mal von einem Gentleman aufgefordert worden, der diese Bezeichnung tatsächlich verdient hätte. Nach zwei stadtbekannten Glücksrittern, einem fürchterlichen Langweiler und einem Lord, der keinen Tag jünger als siebzig sein konnte, war Callie einfach nicht mehr in der Lage, Freude zu heucheln. Offenbar war sie für den ton wenig mehr wert als die Summe ihrer Mitgift und ihrer Herkunft – und selbst in Kombination reichte das nicht aus, sie mit einem Tanzpartner zu versorgen, der ihr tatsächlich sympathisch war. Nein, im Gegenteil, Callie war von den beliebten und begehrten Junggesellen den Großteil der Saison schlicht übersehen worden.
Sie seufzte.
Dieser Abend war bisher der schlimmste gewesen. Als reichte nicht schon, dass sie nur von Langweilern und Großvätern aufgefordert wurde, an diesem Abend hatte sie dazu auch noch die Aufmerksamkeit des restlichen ton zu spüren bekommen.
“Ich hätte meiner Mutter nie erlauben dürfen, mich in diese Monstrosität zu stecken”, murmelte sie vor sich hin und sah an dem fraglichen Gewand hinab, auf die zu enge Taille, das zu kleine Mieder, das ihre Brüste gar nicht halten konnte, die zu allem Überfluss auch noch größer waren, als von der Mode vorgesehen. Sie war sich ganz sicher, dass keine Ballschönheit je in einem so grellen Sonnenuntergangsorange geglänzt hatte. Oder in einem so schrecklichen Kleid.
Das Kleid, hatte ihre Mutter ihr versichert, sei ganz gewiss der allerletzte Schrei. Als Callie angemerkt hatte, dass das Kleid ihrer Figur nicht besonders schmeichele, hatte die Countess ihr rundweg erklärt, sie irre sich. Callie würde einfach überwältigend aussehen, hatte ihre Mutter ihr versprochen, während die Schneiderin um sie herumschwirrte und an dem Kleid zupfte, zog und zerrte. Und während sie im Spiegel der Schneiderin ihre Verwandlung verfolgte, kam sie allmählich zu dem Schluss, dass ihre Mutter recht hatte. Sie sah in diesem Kleid tatsächlich überwältigend aus. Überwältigend schrecklich.
Sie schlang die Arme fest um sich, um sich gegen die Abendkühle zu schützen, und schloss vor Demütigung die Augen. “Ich kann nicht wieder zurück. Ich werde wohl einfach für immer hier bleiben müssen.”
Aus den Schatten drang ein tiefes, leises Lachen, worauf Callie erschrocken auffuhr. Sie konnte den Mann kaum erkennen, während sie sich zu voller Größe aufrichtete und versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen. Bevor sie noch an Davonlaufen denken konnte, sagte sie, wobei in ihrer Stimme ihr Widerwille gegen den gesamten Abend mitschwang: “Wirklich, Sie sollten sich nicht im Dunkeln an fremde Leute anschleichen. Das gehört sich nicht für einen Gentleman.”
Sofort gab er mit tiefer Stimme zurück: “Ich bitte vielmals um Verzeihung. Natürlich könnte man auch dagegenhalten, dass es nicht gerade ladylike ist, im Dunkeln zu lauern.”
“Ah. Da liegen Sie aber falsch. Ich lauere nicht im Dunkeln. Ich verstecke mich. Das ist etwas ganz anderes.” Sie zog sich weiter in die Schatten zurück.
“Ich werde Sie nicht verraten”, sagte er leise, fast als könnte er ihre Gedanken lesen. “Sie können sich genauso gut zeigen: Sie sitzen jetzt nämlich in der Falle.”
Hinter sich spürte Callie die stachelige Hecke, vor ihr hatte sich ihr Peiniger aufgebaut, und sie wusste, dass er recht hatte. Verärgert seufzte sie. Wie viel schlimmer kann dieser Abend denn noch werden? In diesem Augenblick trat er ins Mondlicht, sodass Callie ihn erkannte. Damit hatte sie ihre Antwort. Noch viel schlimmer.
Vor ihr stand der Marquess of Ralston – charmant, umwerfend attraktiv und einer der berüchtigtsten Lebemänner Londons. Sein Ruf war ebenso verrucht wie sein Lächeln, das er gerade direkt auf Callie richtete. “O nein”, flüsterte sie, und es gelang ihr nicht, ihre Verzweiflung zu verbergen. Sie konnte nicht zulassen, dass er sie sah. Nicht in diesem Aufzug, nicht wenn sie aufgedonnert war wie ein Pfingstochse. Einsonnenuntergangsorangefarbener Pfingstochse.
“Was soll daran denn so schlimm sein, Kindchen?” Das lässige Kosewort wärmte ihr das Herz, während sie gleichzeitig nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau hielt. Er stand so nahe vor ihr, dass sie ihn hätte berühren können, überragte sie um mindestens sechs Zoll. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich klein. Beinahe zart. Ich muss hier weg.
“Ich … ich muss gehen. Wenn man mich hier sehen würde … mit Ihnen …” Sie beendete den Satz nicht. Was dann passieren würde, wusste er ohnehin.
“Wer sind Sie?” Er kniff die Augen zusammen, musterte ihre Züge in der Dunkelheit. “Warten Sie …” Sie stellte sich vor, wie in seinem Blick das Erkennen aufblitzte. “Sie sind Allendales Tochter. Ich habe Sie heute Abend schon bemerkt.”
Darauf konnte sie sich eine spöttische Antwort nicht verkneifen. “Das kann ich mir vorstellen, Mylord. Ich war schließlich kaum zu übersehen.” Sofort hielt sie sich die Hand vor den Mund, selbst schockiert von dieser ungebührlichen Bemerkung.
Er lachte. “Ja. Nun ja, das Kleid ist vielleicht nicht übermäßig schmeichelhaft.”
Ihr entschlüpfte ein Lachen. “Wie überaus diplomatisch von Ihnen. Sie dürfen es gern zugeben. Ich sehe darin viel zu sehr aus wie eine Aprikose.”
Diesmal lachte er laut heraus. “Ein passender Vergleich. Die Frage wäre noch, ob es möglich ist, genau richtig wie eine Aprikose auszusehen?” Er bat sie mit einer Geste, wieder auf der Bank Platz zu nehmen, und nach kurzem Zögern setzte sie sich.
“Wahrscheinlich nicht.” Sie lächelte über das ganze Gesicht, erstaunt, dass sie seine Zustimmung bei Weitem nicht so demütigend fand, wie sie erwartet hätte. Nein, im Gegenteil, sie fand es eher befreiend. “Meine Mutter … sie hätte so gern eine Tochter, die sie anziehen kann wie eine Porzellanpuppe. Leider werde ich ihr diesen Wunsch nie erfüllen können. Ich warte schon sehnlichst darauf, dass meine Schwester debütiert und meine Mutter von mir ablenkt.”
Er setzte sich neben sie. “Wie alt ist Ihre Schwester denn?”
“Acht”, versetzte sie betrübt.
“Ah. Nicht gerade ideal.”
“Das ist die Untertreibung des Abends.” Sie sah hinauf in den sternenübersäten Himmel. “Nein, bis meine Schwester in die Gesellschaft eingeführt wird, bin ich schon längst eine alte Jungfer.”
“Wieso sind Sie sich so sicher, dass aus Ihnen einmal eine alte Jungfer wird?”
Sie warf ihm einen verstohlenen Seitenblick zu. “Auch wenn ich Ihre Ritterlichkeit zu schätzen weiß – mit Ihrer gespielten Unwissenheit beleidigen Sie uns doch bloß beide.” Als er nicht antwortete, starrte sie auf ihre Hände hinab und erwiderte: “Große Auswahl habe ich schließlich keine.”
“Wie das?”
“Freie Auswahl habe ich offenbar nur unter den Verarmten, den Uralten und den Todlangweiligen”, erwiderte sie und zählte ihre Optionen dabei an den Fingern ab.
Er lachte. “Das kann ich kaum glauben.”
“Aber es ist wahr. Ich gehöre nicht zu den jungen Damen, denen die Gentlemen zu Füßen liegen. Jeder, der Augen im Kopf hat, kann das sehen.”
“Ich habe Augen. Und ich sehe nichts dergleichen.” Seine Stimme wurde tiefer, samtweich, und dann strich er ihr über die Wange. Sie hielt den Atem an und staunte, mit welcher Intensität sie sich seiner Nähe bewusst war.
Unwillkürlich drängte sie sich der Liebkosung entgegen, schmiegte sich in die Berührung, als er ihr Kinn umfasste. “Wie heißen Sie?”, fragte er leise.
Sie zuckte zusammen, wusste nur zu gut, was ihr bevorstand. “Calpurnia”, sagte sie ergeben und schloss die Augen. Der extravagante Name war ihr peinlich – nur eine hoffnungslos romantische, von Shakespeare besessene Mutter käme auf die Idee, ihr Kind mit einem solchen Vornamen zu belasten.
“Calpurnia.” Er ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. “Nach Cäsars Gattin?”
Mit hochrotem Gesicht nickte sie.
Er lächelte. “Ich muss wohl die Bekanntschaft Ihrer Eltern suchen. Das ist ein wahrhaft kühner Name.”
“Ich finde ihn einfach schrecklich.”
“Unsinn. Calpurnia war Cäsars Kaiserin – sie war stark und schön, klüger als die Männer um sie herum. Sie konnte in die Zukunft sehen und ließ sich auch vom Mord an ihrem Gatten nicht aus der Bahn werfen. Sie ist eine wundervolle Namensvetterin.” Beim Sprechen schüttelte er ihr Kinn.
Nach diesem freimütigen kleinen Vortrag war sie erst einmal sprachlos. Ehe sie etwas sagen konnte, fuhr er fort: “Und jetzt muss ich mich verabschieden. Und Sie, Lady Calpurnia, müssen in den Ballsaal zurückkehren, mit hoch erhobenem Haupt. Glauben Sie, dass Sie das können?”
Er tätschelte ein letztes Mal ihr Kinn und erhob sich. Sobald er nicht mehr neben ihr saß, wurde ihr kalt, und sie stand ebenfalls auf. Mit glänzenden Augen meinte sie: “Ja, Mylord.”
“Braves Mädchen.” Er beugte sich noch einmal näher und flüsterte ihr zu, wobei sein Atem warm über ihren Nacken strich: “Nicht vergessen, Sie tragen den Namen einer Kaiserin. Verhalten Sie sich dementsprechend, dann werden die anderen gar nicht umhin können, ebenfalls die Kaiserin in Ihnen zu sehen. Ich tue es jetzt schon …” Er hielt inne, und sie wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass er fortfuhr. “Eure Hoheit.”
Und damit ging er davon, verschwand tiefer im Labyrinth, während Callie mit einem albernen Grinsen im Gesicht zurückblieb. Sie überlegte nicht lange, ehe sie ihm folgte – ihr einziger Wunsch war es, in seiner Nähe zu sein. In diesem Augenblick wäre sie ihm überallhin gefolgt, diesem wunderbaren Prinzen von einem Mann, der sie bemerkt hatte, nicht ihre Mitgift, auch nicht ihr schreckliches Kleid, sondern sie selbst!
Wenn ich eine Kaiserin bin, dann ist er als einziger Mann würdig, mein Kaiser zu sein.
Sie brauchte nicht weit zu gehen, um ihn einzuholen. Nach einer kurzen Strecke weiteten sich die Hecken des Labyrinths zu einer Art Lichtung, auf der sich ein großer, puttengeschmückter Springbrunnen befand. Und dort, in silbernes Licht getaucht, stand ihr Prinz, breitschultrig und mit langen Beinen. Bei seinem Anblick hielt Callie den Atem an – er war so schön, als wäre er selbst in Marmor gehauen.
Dann entdeckte sie die Frau in seinen Armen. Callie riss den Mund auf, doch kein Laut entwich ihr. Sie schlug die Hand vor den Mund. In den siebzehn Jahren, die sie nun auf dieser Welt weilte, hatte sie noch nie etwas so … wunderbar Skandalöses gesehen.
Seine Geliebte wirkte im Mondlicht überwältigend ätherisch, ihr blondes Haar leuchtete weiß, ihr helles Kleid schimmerte in der Dunkelheit wie feinstes Gespinst. Callie trat in die Schatten zurück und spähte um die Ecke der Hecke. Halb wünschte sie sich, sie wäre ihm nicht gefolgt, konnte sich aber nicht von dem Anblick lösen. Liebe Güte, wie die sich küssten!
Und tief in ihrem Innersten wich ihr jugendliches Erstaunen brennender Eifersucht: Nie in ihrem Leben hatte sie sich so sehr gewünscht, eine andere zu sein. Einen Augenblick erlaubte sie sich, in der Vorstellung zu schwelgen, es wäre sie, die in seinen Armen lag, es wären ihre langen, zarten Finger, die durch sein dunkles, glänzendes Haar strichen, ihr geschmeidiger Körper, den seine starken Hände liebkosten, ihre Lippen, an denen er knabberte, ihre Seufzer, die durch die Nachtluft klangen.
Während sie zusah, wie seine Lippen am Hals der Frau nach unten glitten, ließ Callie die Finger über ihren eigenen Hals wandern und stellte sich dabei vor, die federleichte Berührung käme von ihm. Sie beobachtete, wie seine Hand über das Mieder seiner Geliebten strich, den Ausschnitt sanft nach unten zog und eine Brust entblößte. Verwegen blitzten seine Zähne im Mondlicht, während er auf die vollkommene Wölbung blickte und nur sagte: “Wunderschön!”, ehe er die Lippen zu der dunklen Spitze senkte, die sich in der Nachtluft und durch seine Liebkosungen verhärtet hatte. Seine Geliebte warf ekstatisch den Kopf zurück, unfähig, die Lust zu bezähmen, die sie in seinen Armen empfand. Callie konnte sich von dem Schauspiel nicht losreißen, strich sich über die eigenen Brüste, spürte, wie die Spitzen unter dem Seidenstoff hart wurden, und stellte sich vor, es wäre sein Mund.
“Ralston …”
Der Name, von der Geliebten gestöhnt, drang durch die Lichtung herüber und weckte Callie aus ihren Träumen. Schockiert ließ sie die Hand sinken und wandte sich von der heimlich beobachteten Szene abrupt ab. Sie lief durch das Labyrinth, wollte nun unbedingt weg, und hielt erst wieder an der Marmorbank inne, an der ihr nächtliches Abenteuer begonnen hatte. Schwer atmend sammelte sie sich, entsetzt von ihrem eigenen Benehmen. Eine Dame lauschte nicht. Vor allem nicht auf diese Art.
Außerdem hatte sie nichts von derartigen Fantasien.
Sie versuchte den Schmerz beiseitezuschieben, der sich einstellte, als sie die Wahrheit erkannte: Den wunderbaren Marquess of Ralston würde sie niemals bekommen, auch nicht jemand Vergleichbaren. Sie war sich nun absolut sicher, dass das, was er vorhin zu ihr gesagt hatte, keineswegs die Wahrheit gewesen war, sondern die Lügen eines unverbesserlichen Verführers, die nur dazu dienen sollten, sie zu beruhigen und aus dem Weg zu schaffen, um ihm das Stelldichein mit seiner strahlenden Schönheit zu ermöglichen. Er hatte kein Wort von dem geglaubt, was er gesagt hatte.
Nein, sie war nicht Calpurnia, Kaiserin von Rom. Sie war die gute alte Callie, eine graue Maus. Und etwas anderes würde sie niemals sein.
1. Kapitel
London, April 1823
Das hartnäckige Hämmern weckte ihn auf.
Erst ignorierte er es, da er noch zu verschlafen war, um die Quelle dieses Lärms auszumachen.
Schließlich trat eine lange Pause ein, und über das Schlafzimmer senkte sich bleierne Stille.
Gabriel St. John, Marquess of Ralston, blinzelte in das Morgenlicht, das in das opulent eingerichtete Zimmer fiel. Einen Augenblick lag er ganz still, nahm die satten Farben in sich auf, die Seidentapeten und den vergoldeten Stuck, die ganze Pracht sinnlicher Genüsse.
Dann streckte er die Hand nach der üppigen weiblichen Gestalt neben sich aus. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als sie sich willig an ihn schmiegte – die Kombination aus früher Stunde und warmem, nacktem Fleisch ließ ihn beinahe wieder einschlummern.
Er lag still da, mit geschlossenen Augen, strich ihr nur träge über die bloße Schulter. Dann jedoch fuhr ihm seine Bettgefährtin mit zarter Hand über den Oberkörper, lockend, verheißungsvoll.
Ihre Berührung wurde fester, drängender, worauf er mit einem leisen Knurren der Lust reagierte.
Und dann begann der Lärm von Neuem – jemand hämmerte laut und ausdauernd gegen die schwere Eichentür.
“Ruhe!” Ralston sprang aus dem Bett seiner Geliebten, durchaus bereit, den Störenfried so einzuschüchtern, dass der ihn den Rest des Vormittags in Ruhe ließ. Kaum nahm er sich die Zeit, den seidenen Morgenrock überzuwerfen, ehe er die Tür mit einem lauten Fluch aufriss.
Auf der Schwelle stand sein Zwillingsbruder, makellos gewandet und manikürt, als wäre es vollkommen normal, seinen Bruder bei Morgengrauen im Haus der Geliebten aufzusuchen. Hinter Nicholas St. John stand ein aufgeregter Dienstbote. “Mylord, ich hab mich nach Kräften bemüht, ihn zurückzuhalten …”
Ein eisiger Blick von Ralston brachte den Mann zum Schweigen. “Gehen Sie.”
Sein Bruder zog amüsiert eine Augenbraue hoch, während der Lakai sich eilig davonmachte. “Ich hatte ganz vergessen, wie reizend du in aller Frühe bist, Gabriel.”
“Was in Gottes Namen führt dich um diese Zeit hierher?”
“Zuerst habe ich es in Ralston House versucht”, erklärte Nick. “Als ich dich dort nicht angetroffen habe, dachte ich mir, dass ich dich vermutlich hier finden werde.” Er ließ den Blick zu der Frau wandern, die mitten in dem riesigen Bett saß. Mit trägem Grinsen begrüßte Nick die Geliebte seines Zwillingsbruders. “Nastasia. Bitte die Störung zu entschuldigen.”
Die griechische Schönheit rekelte sich wie eine Katze, sinnlich und genusssüchtig, ließ das Laken fallen, das sie sich in gespielter Sittsamkeit vorgehalten hatte, und entblößte eine üppige Brust. Mit verführerischem Lächeln sagte sie: “Lord Nicholas, glauben Sie mir, das stört mich nicht im Geringsten. Vielleicht möchten Sie ja mit uns zusammen …”, sie machte eine kunstvolle Pause, “… frühstücken?”
Nick lächelte anerkennend. “Ein verlockendes Angebot.”
Ralston achtete nicht weiter auf das Geplänkel und meinte: “Nick, wenn du so erpicht auf weibliche Gesellschaft bist, hättest du doch auch anderswo anklopfen können, wo du meinen Schlaf nicht hättest stören müssen.”
Nick lehnte sich an den Türrahmen und ließ den Blick noch ein Weilchen auf Nastasia ruhen, ehe er sich wieder seinem Bruder zuwandte. “Du hast tatsächlich geschlafen, Bruderherz?”
Entnervt drehte Ralston sich um und marschierte zu einer Schüssel mit Wasser, die in einer Ecke des Zimmers stand. Während er sich Wasser ins Gesicht spritzte, knurrte er: “Das macht dir wohl einen Riesenspaß, was?”
“Allerdings.”
“Wenn du mir nicht gleich sagst, was du hier willst, Nick, habe ich genug davon, einen kleinen Bruder zu haben, und werfe dich raus.”
“Interessant, wie passend du deine Worte wählst”, erwiderte Nick lässig. “Zufällig führt mich gerade deine Rolle als älterer Bruder hierher.”
Ralston hob den Kopf, um seinem Bruder in die Augen zu sehen.
“Es ist nämlich so, Gabriel: Anscheinend haben wir eine Schwester.”
“Eine Halbschwester.”
Ralstons Ton war ausdruckslos, während er seinen Anwalt mit starrem Blick fixierte, in der Hoffnung, dass der bebrillte Mann endlich seine Nervosität überwand und die näheren Umstände dieser erstaunlichen Neuigkeit offenbarte. Diese Einschüchterungstaktik hatte Ralston in den Spielhöllen ganz Londons perfektioniert; er erwartete, dass sie auch hier Wirkung zeitigte und der Anwalt zu reden begann.
Er täuschte sich nicht.
“Ich … also, Mylord …”
Ralston wandte sich ab, durchmaß das Arbeitszimmer und goss sich etwas zu trinken ein. “Nun spucken Sie es schon aus, Mann, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.”
“Ihre Mutter …”
“Meine Mutter, wenn man die lieblose Kreatur, die uns zur Welt gebracht hat, so nennen mag, hat England vor über fünfundzwanzig Jahren verlassen. Sie lebt jetzt auf dem Kontinent.” Er ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit im Glas kreisen und setzte einen gelangweilten Blick auf. “Woher sollen wir wissen, dass das Mädchen wirklich unsere Schwester ist und nicht irgendeine Hochstaplerin, die aus unserer Gutgläubigkeit Kapital schlagen möchte?”
“Ihr Vater war ein reicher venezianischer Kaufmann, er hinterließ ihr ein üppiges Erbe.” Der Anwalt hielt inne, rückte seine Brille zurecht und warf Ralston einen wachsamen Blick zu. “Mylord, er hatte keinen Grund, wegen ihrer Geburt zu lügen. Im Gegenteil, nach allem, was ich höre, hätte er es wohl vorgezogen, Sie nicht auf ihre Existenz aufmerksam zu machen.”
“Warum hat er es dann getan?”
“Sie hat sonst keine Familie mehr. Ein paar Freunde hätten sie wohl aufgenommen. Laut der Dokumente, die meiner Kanzlei zugesandt wurden, geht das alles jedoch auf Ihre Mutter zurück. Sie hat verlangt, dass ihr …”, unsicher hielt er inne, “… Gatte Ihre … Schwester im Falle seines Todes hierher schickt. Ihre Mutter war sich sicher, dass Sie …”, er räusperte sich, “… Ihrer familiären Verpflichtung nachkommen würden.”
Ralston lächelte freudlos. “Was für eine Ironie, dass ausgerechnet unsere Mutter an unseren Familiensinn appelliert.”
Der Anwalt gab nicht vor, die Bemerkung misszuverstehen. “In der Tat, Mylord. Aber wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, das Mädchen ist bereits hier und sehr lieb. Ich bin mir nicht sicher, wie ich weiter vorgehen soll.” Er schwieg, doch was er meinte, war offenkundig:Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie Ihnen überhaupt überlassen soll.
“Natürlich muss sie hierbleiben”, meldete sich endlich auch Nick zu Wort, was ihm die dankbare Aufmerksamkeit des Anwalts und einen verärgerten Blick seines Bruders eintrug. “Wir nehmen sie bei uns auf. Bestimmt ist sie noch ganz durcheinander.”
“Allerdings, Mylord”, stimmte der Anwalt bereitwillig zu, offenbar froh über die Freundlichkeit in Nicks Blick.
“Mir war ja gar nicht bewusst, dass du in der Lage bist, derartige Entscheidungen in diesem Haus zu treffen, Bruderherz”, sagte Ralston schleppend, wobei er den Anwalt nicht aus den Augen ließ.
“Ich verkürze nur einfach Wingates Qualen”, erwiderte sein Bruder und nickte dem Anwalt zu. “Du wirst eine Blutsverwandte nicht abweisen.”
Natürlich hatte Nick vollkommen recht. Gabriel St. John, Siebter Marquess of Ralston, würde seine Schwester nicht wegschicken, auch wenn er das insgeheim am liebsten getan hätte. Er fuhr sich durch das schwarze Haar und staunte, wie viel Zorn immer noch in ihm aufloderte, wenn er an seine Mutter dachte, die er doch seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte.
Sie hatte sehr jung geheiratet – mit kaum sechzehn – und innerhalb eines Jahres Zwillinge zur Welt gebracht. Zehn Jahre später war sie verschwunden, auf den Kontinent geflüchtet, und ihre Söhne und deren Vater waren voller Verzweiflung zurückgeblieben. Für jede andere Frau hätte Gabriel Mitgefühl empfunden, hätte ihre Angst verstanden und ihr die Flucht verziehen. Doch er hatte den Kummer seines Vaters miterlebt, hatte den Schmerz gefühlt, den der Verlust der Mutter verursacht hatte. Und bei ihm war die Trauer heißem Zorn gewichen. Es hatte Jahre gedauert, bis er von ihr sprechen konnte, ohne dass es ihm vor Wut die Kehle zuschnürte.
Und jetzt, wo er erfahren musste, dass sie eine weitere Familie zerstört hatte, war die alte Wunde wieder aufgerissen worden. Dass sie ein weiteres Kind zur Welt bringen würde – und auch noch ein Mädchen – und sie zu einem Leben ohne Mutter verdammte, machte ihn fuchsteufelswild. Natürlich hatte seine Mutter sich nicht getäuscht: Er würde seiner familiären Verpflichtung nachkommen. Würde tun, was er konnte, um ihre Sünden gutzumachen. Und vielleicht war dies das Ärgerlichste an der ganzen Situation: Dass seine Mutter ihn immer noch verstand. Dass zwischen ihnen immer noch irgendeine Verbindung bestehen mochte.
Er stellte das Glas ab und setzte sich wieder an den breiten Mahagonischreibtisch. “Wo ist das Mädchen, Wingate?”
“Ich glaube, sie wurde im grünen Zimmer untergebracht, Mylord.”
“Nun, dann könnten wir sie ja mal herholen.” Nick ging zur Tür, öffnete sie und schickte einen draußen wartenden Lakaien los, das Mädchen zu holen.
In dem darauffolgenden bedeutungsschweren Schweigen stand Wingate auf und strich sich nervös die Weste glatt. “In der Tat. Wenn ich etwas sagen dürfte, Sir?”
Gabriel warf ihm einen irritierten Blick zu.
“Sie ist ein sehr braves Mädchen. Sehr lieb.”
“Ja. Das erwähnten Sie bereits. Trotz der offenkundigen Meinung, die Sie von mir hegen, Wingate: Ich bin kein Ungeheuer, das kleine Mädchen frisst.” Er hielt inne, grinste schief. “Zumindest nicht, wenn die kleinen Mädchen mit mir verwandt sind.”
Die Ankunft ihrer Schwester hielt Gabriel davon ab, sich an der Missbilligung des Anwalts zu weiden. Stattdessen erhob er sich, als die Tür geöffnet wurde, und begegnete stirnrunzelnd dem so unheimlich vertrauten Blick aus blauen Augen.
“Lieber Himmel.” Nicks Worte gaben genau wieder, was Gabriel dachte.
Es bestand keinerlei Zweifel daran, dass die junge Frau ihre Schwester war. Abgesehen von ihren Augen, die ebenso tiefblau waren wie die Augen ihrer Brüder, hatte sie dasselbe kräftige Kinn, dieselben dunklen Locken wie sie. Sie war das Ebenbild ihrer Mutter – groß, geschmeidig, liebreizend, mit unleugbarem Feuer im Blick. Gabriel fluchte leise in sich hinein.
Nick fasste sich als Erster und verneigte sich tief. “Enchanté, Miss Juliana. Ich bin Ihr Bruder Nicholas St. John. Und dies …”, er deutete zu Ralston, “… ist unser Bruder Gabriel, Marquess of Ralston.”
Sie knickste anmutig und deutete mit schmaler Hand auf sich. “Ich bin Juliana Fiori. Ich muss sagen, ich habe nicht erwartet …” Sie hielt inne, suchte nach dem Wort. “I gemelli. Entschuldigung, ich weiß nicht, wie das auf Englisch heißt.”
Nick lächelte. “Zwillinge. Nein, ich könnte mir vorstellen, dass unsere Mutter ebenfalls keine gemelli erwartete.”
Das Grübchen, das sich nun in Julianas Wange zeigte, passte genau zu Nicks. “Genau. Es ist ziemlich frappierend.”
“Nun.” Mit einem Räuspern lenkte Wingate die Aufmerksamkeit der anderen auf sich. “Ich werde mich jetzt verabschieden, falls die Herren mich nicht mehr benötigen.” Der Anwalt sah von Nick zu Ralston, sichtlich erpicht darauf, entlassen zu werden.
“Sie können gehen, Wingate”, sagte Ralston kühl. “Tatsächlich kann ich es kaum erwarten.”
Der Anwalt empfahl sich, verbeugte sich eilig, als hätte er Angst, nie mehr zu entkommen, wenn er jetzt zu lang zögerte. Sobald er draußen war, sagte Nick beruhigend zu Juliana: “Lassen Sie sich von Gabriel nicht hinters Licht führen. Er ist nicht ganz so schlimm, wie es scheint. Nur an manchen Tagen benimmt er sich, als würde ihm weit und breit alles gehören.”
“Ich glaube, das tut es auch, Nicholas”, meinte Ralston trocken.
Nick zwinkerte seiner Schwester zu. “Vier Minuten älter, und er kann nicht anders, als mir das dauernd unter die Nase zu reiben.”
Juliana lächelte Nick matt zu und richtete dann ihren klaren Blick auf ihren älteren Bruder. “Mylord, ich würde gern gehen.”
Gabriel nickte. “Sehr verständlich. Ich lasse Ihre Sachen in eines der Zimmer oben bringen. Bestimmt sind Sie erschöpft von der Reise.”
“Nein, Sie verstehen nicht. Ich möchte England verlassen und nach Venedig zurückkehren.” Als darauf weder Gabriel noch Nick etwas erwiderten, fuhr sie fort, wobei sie ihre Worte mit den Händen unterstrich. Je emotionaler sie wurde, desto stärker wurde ihr Akzent. “Ich versichere Ihnen, ich kann nicht verstehen, warum mein Vater darauf bestand, dass ich hierherkomme. Ich habe Freunde zu Hause, die mich gern bei sich willkommen …”
Gabriel unterbrach sie entschlossen. “Sie bleiben hier.”
“Mi scusi, Mylord, lieber nicht.”
“Ich fürchte, Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig.”
“Sie können mich nicht hier festhalten. Ich gehörte nicht hierher. Nicht zu Ihnen … nicht nach … England.” Sie spuckte die Worte förmlich aus, als hätten sie einen ekelhaften Geschmack.
“Sie vergessen, dass Sie eine halbe Engländerin sind, Juliana”, sagte Nick amüsiert.
“Niemals! Ich bin Italienerin!” Ihre blauen Augen blitzten.
“Und Ihre Persönlichkeit beweist es, Kätzchen”, meinte Gabriel gedehnt. “Aber Sie sind das Abbild unserer Mutter.”
Juliana sah zu den Wänden empor. “Abbild? Unserer Mutter? Wo denn?”
Nick lachte leise, entzückt von dem Missverständnis. “Nein. Bilder gibt es von ihr hier nicht. Gabriel meinte, dass Sie wie unsere Mutter aussehen. Genau wie sie sogar.”
Juliana zerteilte die Luft mit der Hand. “Sagen Sie so etwas nie wieder. Unsere Mutter war eine …” Sie unterbrach sich, doch das unausgesprochene Schimpfwort hing schwer im Raum.
Ralstons Lippen verzogen sich zu einem reuigen Lächeln. “Anscheinend haben wir einen Punkt gefunden, in dem wir vollkommen übereinstimmen.”
“Sie können mich nicht zum Bleiben zwingen.”
“Ich fürchte doch. Ich habe die Dokumente bereits unterschrieben. Bis zu Ihrer Hochzeit stehen Sie unter meinem Schutz.”
Sie riss die Augen auf. “Das ist unmöglich. So etwas hätte mein Vater nie verlangt. Er wusste, dass ich nicht die Absicht habe, je zu heiraten.”
“Warum denn nicht?”, erkundigte sich Nick.
Juliana fuhr zu ihm herum. “Ich hätte gedacht, dass Sie das besser als jeder andere verstehen könnten. Ich werde die Sünden meiner Mutter nicht wiederholen.”
Gabriels Augen verengten sich. “Es gibt doch keinerlei Grund, dass Sie wie sie …”
“Sie werden mir nachsehen müssen, dass ich nicht bereit bin, ein solches Risiko einzugehen, Mylord. Bestimmt können wir zu einer Übereinkunft kommen?”
In diesem Augenblick fiel Gabriels Entscheidung.
“Wie gut haben Sie unsere Mutter denn gekannt?”
Juliana stand stolz und aufrecht da und begegnete Ralstons Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. “Sie hat uns vor beinahe zehn Jahren verlassen. Soweit ich weiß, war es bei Ihnen genauso?”
Ralston nickte. “Wir waren noch nicht einmal zehn.”
“Dann nehme ich an, dass wir alle nicht besonders gut auf sie zu sprechen sind.”
“Allerdings nicht.”
Einen langen Augenblick standen sie sich so gegenüber, versuchten zu beurteilen, wie ernst es dem anderen war. Gabriel ergriff als Erster das Wort. “Darüber lasse ich nicht mit mir verhandeln. Sie werden zwei Monate bleiben. Wenn Sie sich danach entschließen, doch lieber nach Italien zurückkehren zu wollen, werde ich es arrangieren.”
Sie legte den Kopf schief, als dächte sie über sein Angebot nach und ihre Möglichkeiten, ihm zu entrinnen. Schließlich nickte sie zustimmend. “Zwei Monate. Keinen Tag länger.”
“Na dann, willkommen in meinem Haus, kleine Schwester. Du kannst dir oben ein Zimmer aussuchen.”
Sie versank in einem tiefen Knicks. “Grazie, mein Bruder.” Sie wandte sich schon zur Tür, doch Nick plagte die Neugierde, und er hielt sie zurück.
“Wie alt bist du?”
“Zwanzig.”
Nick warf seinem Bruder einen flüchtigen Blick zu und meinte: “Du wirst in die Londoner Gesellschaft eingeführt werden müssen.”
“Das halte ich nicht für nötig, schließlich bin ich nur acht Wochen hier.” Die Betonung, die sie auf die letzten Worte legte, war kaum zu überhören.
“Das alles besprechen wir, wenn du dich eingewöhnt hast”, sagte Ralston abschließend, geleitete sie zur Tür und rief nach dem Butler. “Jenkins, bringen Sie Miss Juliana bitte nach oben, und weisen Sie jemanden an, ihrer Zofe beim Auspacken zu helfen.” Er wandte sich an Juliana. “Du hast doch eine Zofe, oder?”
“Ja”, sagte sie amüsiert. “Muss ich darauf hinweisen, dass es die Römer waren, die euch die Zivilisation brachten?”
Ralston hob die Augenbrauen. “Du hast wohl vor, recht schwierig zu werden?”
Juliana lächelte ihn engelsgleich an. “Ich habe mich bereit erklärt, hierzubleiben, nicht aber, den Mund zu halten.”
Er wandte sich an Jenkins. “Sie wohnt ab jetzt bei uns.”
Juliana schüttelte den Kopf und sah ihren Bruder an. “Für zwei Monate.”
Mit einem Nicken verbesserte er sich: “Sie wohnt fürs Erste bei uns.”
Angesichts dieser überraschenden Neuigkeit verzog der Butler keine Miene, sagte nur gelassen: “Sehr wohl, Madam”, und scheuchte mehrere Lakaien nach oben, damit sie Julianas Koffer verräumten, ehe er die junge Dame nach oben geleitete.
Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass seine Anordnungen befolgt wurden, schloss Ralston die Tür zum Arbeitszimmer und wandte sich an seinen Bruder, der mit trägem Lächeln an der Anrichte lehnte.
“Gut gemacht, Bruderherz”, sagte Nick. “Wenn der ton wüsste, dass du ein derart überbordendes Pflichtgefühl hast, wenn es um die Familie geht … wäre dein Ruf als gefallener Engel ein für alle mal dahin.”
“Du tätest gut daran, den Mund zu halten.”
“Wirklich, es ist herzerfrischend. Der schlimme, schlimme Marquess of Ralston, von einem Kind außer Gefecht gesetzt.”
Ralston wandte sich von seinem Bruder ab und marschierte zu seinem Schreibtisch. “Hast du nicht irgendwo eine Statue herumliegen, die gesäubert werden müsste? Eine ältere Dame aus Bath, die eine Skulptur besitzt, die sie unbedingt identifiziert haben möchte?”
Nick zuckte nur mit den Schultern und ließ sich nicht ködern. “Das habe ich zwar tatsächlich, aber die Dame muss eben warten, zusammen mit meinen zahllosen anderen Verehrerinnen. Ich will den Nachmittag viel lieber mit dir verbringen.”
“Meinetwegen brauchst du nicht zu bleiben.”
Nick wurde ernst. “Was geschieht in zwei Monaten? Wenn sie immer noch abreisen will, du das aber nicht erlauben kannst?” Als Ralston nicht antwortete, fuhr Nick eindringlich fort: “Für sie war es nicht einfach. So jung von ihrer Mutter verlassen zu werden … und dann auch noch den Vater zu verlieren.”
“Auch nicht anders als bei uns.” Ralston gab sich ungerührt, während er einen Stapel Briefe durchblätterte. “Außerdem haben wir unseren Vater kurz nach unserer Mutter verloren.”
Nick ließ sich nicht beirren. “Wir hatten einander, Gabriel. Sie hat niemanden. Wir wissen besser als jeder andere, wie es ist, in ihrer Lage zu sein, von allen verlassen zu sein, die man je hatte – die man je liebte.”
Ralston begegnete Nicks Blick, in dem die düsteren Erinnerungen ihrer gemeinsamen Kindheit lagen. Die Zwillinge hatten den Abgang ihrer Mutter überlebt, ebenso die tiefe Verzweiflung, in die ihr Vater danach gestürzt war. Ihre Kindheit war nicht angenehm gewesen, aber Nick hatte recht: Sie hatten einander gehabt. Und das war für sie entscheidend gewesen. “Von unseren Eltern habe ich vor allem eines gelernt: Die Liebe wird stark überschätzt. Verantwortung ist viel wichtiger. Ehrgefühl. Für Juliana ist es sicher gut, dass sie dies schon in so jungen Jahren gelernt hat. Jetzt hat sie uns. Vermutlich ist das für sie keine große Entschädigung. Aber es wird ausreichen müssen.”
Die Brüder schwiegen; jeder war in seinen eigenen Gedanken verloren. Schließlich meinte Nick: “Es wird schwierig werden, den ton dazu zu bringen, sie zu akzeptieren.”
Ralston fluchte lauthals – sein Bruder hatte recht.
Als Tochter einer nicht rechtmäßig geschiedenen Frau würde Juliana es in der Gesellschaft erst einmal schwer haben. Bestenfalls wäre sie das Kind einer gesellschaftlichen Außenseiterin, das mit dem schlechten Ruf der Mutter zu kämpfen hätte. Schlimmstenfalls wäre sie die illegitime Tochter einer gefallenen Marchioness und deren bürgerlichen italienischen Liebhabers.
Nick fügte hinzu: “Man wird ihre Legitimität in Zweifel ziehen.”
Gabriel dachte einige Augenblicke nach. “Wenn unsere Mutter Julianas Vater geheiratet hat, heißt das, dass die Marchioness bei ihrer Ankunft in Italien zum Katholizismus konvertiert sein muss. Die katholische Kirche hätte eine Ehe mit einer Anglikanerin niemals anerkannt.”
“Ah, dann sind jetzt also wir diejenigen, die hier illegitim sind?” Nicks Worte wurden von einem ironischen Lächeln begleitet.
“Zumindest für einen Italiener”, erklärte Gabriel. “Zum Glück sind wir aber Engländer.”
“Hervorragend. Da sind wir ja noch einmal davongekommen”, erwiderte Nick. “Aber was ist mit Juliana? Bestimmt werden sich eine ganze Reihe Leute weigern, mit ihr Umgang zu pflegen. Es wird ihnen nicht gefallen, dass sie die Tochter einer gefallenen Frau ist. Und dann auch noch Katholikin.”
“Sie hätten Juliana ohnehin nicht akzeptiert. Wir können es nicht ändern, dass ihr Vater von bürgerlicher Herkunft ist.”
“Vielleicht sollten wir versuchen, sie als entfernte Verwandte auszugeben statt als unsere Schwester.”
Ralstons Antwort duldete keine Widerrede. “Kommt nicht in Frage. Sie ist unsere Schwester. So werden wir sie den anderen vorstellen und die Konsequenzen dann eben tragen.”
“Die Konsequenzen wird wohl eher sie tragen.” Nick sah seinem Bruder in die Augen, und seine Worte hingen schwer im Raum. “Bald wird die Saison in vollem Gang sein. Wenn uns die Sache glücken soll, müssen wir ganz korrekt vorgehen. Ihr Ruf kann nur so gut wie unserer sein.”
Ralston verstand, was sein Bruder meinte. Er würde die Liaison mit Nastasia beenden müssen – die Opernsängerin war für ihre Indiskretion berüchtigt. “Ich rede noch heute mit Nastasia.”
Sein Bruder nickte und fügte hinzu: “Juliana muss in die Gesellschaft eingeführt werden. Dazu brauchen wir jemanden mit blütenreinem Leumund.”
“Ja, daran habe ich auch schon gedacht.”
“Wir könnten ja Tante Phyllidia bitten.” Nick schauderte schon bei der bloßen Erwähnung der Schwester ihres Vaters – ihre Tante Phyllidia verfügte nicht nur über jede Menge Meinungen, die sie im Brustton der Überzeugung vorzutragen wusste, sie war eine Herzoginwitwe und eine Säule der guten Gesellschaft.
“Nein.” Ralstons Antwort kam umgehend. Ihre Tante besaß für eine so delikate Situation – eine mysteriöse Schwester, die zu Beginn der Saison in Ralston House auftauchte – nicht genügend Fingerspitzengefühl. “Unsere weiblichen Verwandten sind alle nicht geeignet.”
“Wer dann?”
Ihre Blicke trafen sich. Beide waren sie entschlossen, beide hatten sich der Sache verschrieben.
Doch nur einer war der Marquis. Und seine Worte ließen keinerlei Raum für Zweifel. “Ich finde jemanden.”
Übersetzung: Petra Lingsminat, Copyright dt. Übersetzung: 2011 by Harlequin Enterprises GmbH, Copyright Originalausgabe: 2010 by Sarah Trabucchi











